Jeder kennt wohl Zeitreisen von Filmen und Romanen her. Meistens nutzt der Zeitreisende dazu eine Zeitmaschine oder wird von einer dieser sogenannten Raum-Zeit-Anomalien in irgendeine zukünftige oder vergangene Zeit geschleudert und muss sich dort dann auch noch mit Zeitparadoxen rumschlagen, die er womöglich dann und dort auslöst. Er lässt zum Bespiel einen USB-Stick mit Peter Maffay Songs neben einem zukünftig versteinerten Dinokadaver liegen, der dann ebenfalls mit versteinert wird oder überfährt in der Zukunft mit einem ungewohnten Quantenmobil den dort künftigen und letzten lebenden Nachfahren seines Stammbaums, der damit dann und dort endet.

In der HerbergeDie Zeitmaschine, mit der ich seit fast 2 Wochen reise, fließt einfach nur bergab und heißt Rhein. Als mittlerweile schon älteres Semester, immatrikuliert und zwangsexmatrikuliert mit dem Privileg des zweistelligen Semestermasters und verschont geblieben von Turbostudiengängen mit dem fremdsprachigen Abschlussnamen bätsch…- Dipolm hört sich viel besser an – lande ich inmitten einer Studentencrew, die diese Mission entlang des Rheins begleitet und irgendwie auch schmeißt. Jeden Tag am und auf dem Rhein werde ich zurück in meine eigenen Zwanzigerjahre geschleudert. Muss ständig auf Schlaf verzichten, weil man mit Zwanzig plus eigentlich keinen Schlaf braucht, lebe in einer Womo-Wg in Womo-Parks, nächtige auf Schotterparkplätzen oder in den Sammelbetten von Jugendherbergen. Also alles Orte, die ich normalerweile meide und mir nicht mehr antuen muss.

Ich stehe meistens als Erster auf, weil ich mindestens eine Stunde Vorsprung brauche, um nach einem der ewig langen Exkursionstage wieder menschlich auszusehen, während die Studis irgendwie immer frisch sind bzw. geschickt so tun, als wären sie es. Mir ist schon klar, dass so lange Tage und Nächte ein biologisches Heimspiel für die Studis ist, während ich auswärts spiele und sicher aber langsam irgendwann vom Platz getragen werde, wenn ich nicht zu mehr Schlaf komme. Mental gesehen bin ich nicht benachteiligt, auch nicht plötzlich verjüngt, sondern nur mit einer für mich abgeschlossenen Zeit konfrontiert, die ich einfach klasse fand.

Heute, es ist Samstag glaube ich, ist unser erster freier Tag. Heimaturlaub! Die Zeitmaschine Rhein fließt nur ein paar Kilometer an meiner Wohnung vorbei und ich kann endlich wieder mal meine Wohnzimmerdecke anstarren und den Hof fegen. Ich könnte mir sogar noch einen zusätzlichen freien Sonntag rausnehmen, da unser erster geplanter Ruhetag ausfiel und vom „Tomasaufen“ in der Nacht zuvor besonders beschwerlich war. Sogar einen Tatort könnte ich mir gönnen, aber irgendwie geht das nicht … ich muss wieder zum Rhein, die Zeit verdrehen und Exkursionsadrenalin samplen.

Ein Götz Widmann Songtext fällt mir dazu ein: „…wirf einfach diese Pille ein. Mach es oder lass es sein.“


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