Wenn man als Reisender das Glück hat in den Ruinen von Machu Picchu abends eingeschlossen zu werden, um in der geisterhafter Faststille dieses Ortes nächtigen zu müssen (mit neuen, verbesserten Wahnvorstellungen) und gerade derentwegen kein Auge zukriegt, dann darf es einem nicht wundern auch Seltsames auf dem Felsen der Loreley zu erleben. Natürlich nachts, im abnehmenden, also gesünderem Mondscheinlicht zum Ende der 15. Etappe. Schon ein paar Tage her, brauchte ich doch den Abstand, um dieses Geschehen zu verdauen – Ich habe mich dort oben verlaufen! – Niemanden konnte ich das bisher anvertrauen, vielleicht hilft mir Blogschreiben, um darüber wegzukommen?

Bald nach dem schlichten aber feinem Abendessen in der Jugendherberge von St. Goarshausen, oben auf dem Plateau des Felsens (ein Ort mit einem zeitlosem Charme übrigens), schnappte ich meine bereits zur Ruhe gelegte Kamera und begab mich zu den Aussichtspunkten der Loreley. Kleinen Geländernischen, die überall an der Hangkante verteilt sind, mit unterschiedlichen Sichtwinkeln ausgestattet, verbunden mit teils gepflasterten, teils natursteinernen Wegen. Weit unten im Tal zieht der Rhein seine berühmte enge Schleife. Keiner der diesen Flußabschnitt passieren will bleibt von dort oben unentdeckt! An beiden Flußufern verlaufen Bahnstrecken, die ähnlich frequentiert sind wie die U-Bahn Station Times Square, und künden mit ziemlichen Radau vom Näherkommen des nächsten Zuges. Wie elektrifizierte Lindwürmer, um den Sagencharakter des Ortes aufzugreifen, winden sich die Züge um die langgezogene Kurve, einmal drei Züge gleichzeitig, was bei oberflächlich betrachteten zwei Bahnstrecken unnatürlich erscheint. Ein Nebengleis vielleicht, im Dunkeln verborgen? Die großen Frachtkähne dagegen sind schon lange bevor sie um die Kurve biegen zu hören. Ein tiefes Rumpelgrollen schallt ihnen voraus. Leider sparen die Schiffer an der Schiffsbeleuchtung, ich hätte mir mehr Lichterketten und Richtscheinwerfer am Bug gewünscht. Selbst im Mondlicht sind sie schwer auszumachen und nur durch Langzeitbelichtung als Lichtfäden hinreichend enttarnt.

Verzückt von dieser late night traffic show am und auf dem Fluß wechsle ich mehrmals Sichtnische, Objektiv, Format und alles sonst mögliche und verliere in diesem Scheinlabyrinth meinen rückwärtigen Bezugspunkt. Das Hotel mit dem Parkplatz. Wo geht es bitte zum Bussle? Zu meinem Bett. Ich bekomme genau die gleiche gruselige Gänsehaut wie damals, als ich in den engen, verzweigten Ruinengassen von Machu Picchu den Liegeplatz meines Schlafsackes nicht mehr fand und überall Inkamumien um die nächste Ecke biegen zu glauben sah. Was damals der Höhenluft geschuldet war konnte ich natürlich nicht bedenkenlos auf die ca. 250 m über dem Meeresspiegel übertragen. Es muß wohl eine andere Ursache für meine Orientierungsschwäche gegeben haben und während ich darüber nachgrübelte, sogar einen leisen, vom Blätterrascheln untermalten Gesang der Loreley höchst persönlich wahrnahm, stand der Bus plötzlich vor mir. Nicht aus dem Nichts erschienen, natürlich, sondern einigermaßen ordentlich geparkt. Ende der Story. Loreley, du hast mich geschafft.


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